Fachtagung "Nachbarschaftshilfe vor Ort -
Sozialer Zusammenhalt in der Zukunft"*
11. Juli 2014, Ursensollen

Die Fachtagung (Tagungsprogramm ) beschäftigte sich mit einem Thema, das an immer mehr Orten eine Rolle spielt: Wer hilft im Alltag, wenn die verwandtschaftliche Unterstützung fehlt und der direkte Nachbar auch nicht in der Lage ist, einzuspringen?

Organisierte Nachbarschaftshilfen sind vor diesem Hintergrund ein wichtiger Ansatz, mit dem Ziel schneller und unkomplizierter Hilfe. Dabei ist nicht nur Seniorinnen und Senioren mit dieser Form der Unterstützung geholfen. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und dem Wunsch, möglichst lange zu Hause zu leben, sind sie aber eine wichtige Zielgruppe.

In immer mehr Gemeinden finden sich interessierte und engagierte Bürgerinnen und Bürger zusammen, die vor Ort eine organisierte Nachbarschaftshilfe aufbauen oder weiterentwickeln möchten. Dabei tauchen viele Fragen auf, wie z.B.: Welche Trägerschaft ist möglich? Wie finden wir Kooperationspartner? Wie überzeugen wir Skeptiker? Wie und wo finden wir engagierte Helferinnen und Helfer?

Die Fachtagung griff diese und weitere Aspekte auf. Rund 160 Vertreterinnen und Vertreter aus Kommunalpolitik und -verwaltungen, Verbänden, Vereinen und sonstigen Initiativen sowie engagierte Einzelpersonen informierten sich über die Möglichkeiten, Nachbarschaftshilfe zu organisieren und tauschten sich über die unterschiedlichen Situationen vor Ort aus. Dabei waren bereits etablierte Nachbarschaftshilfen vertreten, aber auch Interessenten, die eine Nachbarschaftshilfe gründen möchten, nutzten die Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch.

Danielle Rodarius (LBE Bayern e.V.), verantwortlich für die Projektsteuerung des "Netzwerks Nachhaltige Bürgerkommune", betonte in ihrem Grußwort die Bedeutung der Kommunen als Unterstützer beim Aufbau lokaler Nachbarschaftshilfestrukturen. Sie könnten hier eine wichtige Drehscheibenfunktion einnehmen. Sie freute sich über die Vielzahl der Kooperationspartner, mit denen die Fachtagung umgesetzt wurde. Dadurch werde das Thema Nachbarschaftshilfe aus vielen verschiedenen Perspektiven betrachtet. Außerdem freute sie sich über die große Resonanz auf die Veranstaltung, die Grundlage für einen bunten Erfahrungsaustausch sei.

Dr. Judith Riedl vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz stellte den Auf- und Ausbau organisierter Nachbarschaftshilfen in Zusammenhang mit einer nachhaltigen Entwicklung in Kommunen. Bei einer zukunftsorientierten Kommunalpolitik gehe es auch darum, angesichts sich ändernder Altersstrukturen entsprechenden Weichen zu stellen, um die Lebensqualität in einer Gemeinde aufrechterhalten zu können.

Dr. Christine Schwendner (Bayerisches Staatsministerium für Arbeit, Sozialordnung, Familie und Integration) wies in ihrem Grußwort auf die Notwendigkeit des Zusammenwirkens unterschiedlicher Ressourcen und Akteure bei der Bewältigung der künftigen gesellschaftlichen und demografischen Herausforderungen hin. Wohlfahrtspluralismus meint eine neue Verantwortungsgemeinschaft von Eigenverantwortung, familiärer Unterstützung, bürgerschaftlichem Engagement, professionellen Sozialdiensten und staatlicher Absicherung. In diesem Geflecht seien Nachbarschaftshilfen ein Ausdruck „sorgender Gemeinschaften“.

Beide Ministeriumsvertreterinnen zeigten sich über die Kooperation ihrer Häuser bei dieser Fachtagung erfreut.

Paul-Stefan Roß, Professor für Sozialarbeits­wissen­schaft an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg – Stuttgart, beleuchtete in seinem Einführungsvortrag das Thema „Bürgerschaftliches Engagement und demografische Herausforderungen“. Dabei zeigte er folgendes Spannungsfeld auf: Auf der einen Seite ist bürgerschaftliches Engagement nicht das Allheilmittel zur Bewältigung der Folgen des demografischen Wandels, auf der anderen Seite aber wird eine akzeptable Bewältigung der Folgen des demografischen Wandels ohne bürgerschaftliches Engagement nicht möglich sein. ... zum Vortrag von Prof. Roß

Prof. Theresia Wintergerst von der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt stellte die Frage: "Nachbarschaftshilfen als verbindliche Säule kommunaler Versorgungsstrukturen - (wie) kann das gelingen?". Sie sprach über die soziale Rolle "Nachbar" bzw. "Nachbarin" und erläuterte, was aus ihrer Sicht notwendig ist, damit sich die Nachbarschaftshilfe von einer Feuerwehrfunktion zur nachhaltigen Partnerschaft im Sorgearrangement entwickelt. Als ein zentrales Problem dabei nannte sie bestehende Rechtsunsicherheiten, die die Arbeit in der Praxis erschweren.  ... zum Vortrag von Prof. Wintergerst

Auch die Teilnehmer der anschließenden Gesprächsrunde betonten, dass rechtliche Unsicherheiten eine große Hürde bei der Umsetzung von Nachbarschaftshilfen darstellen. Gerhard Dix (Bayerischer Gemeindetag), Karin Larsen-Lion (Nachbarschaftshilfe Pyrbaum), Franz Mädler (1. Bürgermeister der Gemeinde Ursensollen), Norbert Schmid (2. Bürgermeister und Seniorenbeauftragter der Gemeinde Ursensollen) und Andreas Schultz (Paritätischer Wohlfahrtsverband, Landesverband Bayern) diskutierten unter der Moderation von Dr. Klaus Zeitler über die Notwendigkeit und notwendige Rahmenbedingungen von Nachbarschaftshilfen. Neben der Beseitigung rechtlicher Unsicherheiten wurde der Wunsch nach einer Entbürokratisierung laut, die gerade kleinere Projekte vor große Probleme stelle.

Praxisfenster

Am Nachmittag boten fünf Praxisfenster einen Einblick in die Fragestellungen, die sich bei der täglichen Arbeit von Nachbarschaftshilfen ergeben. ... zu den Steckbriefen der Projekte aus den Praxisfenstern

Praxisfenster 1: Kooperation und Abgrenzung.

Was können Nachbarschaftshilfen leisten? Mit wem arbeiten sie zusammen? Carmen Schüller und Waltraud Lobenhofer griffen diese Fragen auf und gaben ihre Praxiserfahrungen und Tipps weiter. Moderator Gerhard Dix (Bayerischer Gemeindetag) fasste zusammen, dass der Aufbau lokaler Netzwerke zur Vermeidung von Parallelstrukturen und Konkurrenzempfinden vor Ort unerlässlich sei. Aber nicht nur innerhalb einer Kommune - auch interkommunal, insbesondere im ländlichen Raum, müssten Kooperationen das Ziel sein. Die Bürgermeister seien Schlüsselakteure, die man für die Umsetzung von Nachbarschaftshilfeprojekten gewinnen sollte.

Praxisfenster 2: Zielgruppe und Akteure

Wie gewinnen und begleiten wir ehrenamtliche Helferinnen und Helfer? Wie machen wir die Menschen vor Ort auf die Unterstützungsmöglichkeit durch die Nachbarschaftshilfe aufmerksam? Irene Hünnerkopf stellt die Ansätze vor, mit denen der Verein "Zeit füreinander" diesen Fragen begegnet. Wie Moderatorin Claudia Leitzmann (LBE Bayern e.V.) berichtete, zeigten die Diskussionen in diesem Praxisfenster, dass es grundsätzlich leichter sei, Helfer zu finden, als Menschen, die die Unterstützung in Anspruch nehmen möchten. Wichtig seien in diesem Zusammenhang vertrauensbildende Maßnahmen, Präsenz in der Öffentlichkeit, Werbung für die Angebote der Nachbarschaftshilfe und Kontinuität.

Praxisfenster 3: Seniorengenossenschaft - "Spezialform" organisierter Nachbarschaftshilfen

In diesem Praxisfenster wurden zwei Beispiele möglicher Trägerformen einer Nachbarschaftshilfe vorgestellt: Der Verein "Seniorengemeinschaft Kronach Stadt und Land" und die Genossenschaft "Wir für uns". Wie Moderator Edmund Görtler (Modus Institut) berichtete, gibt es viele Überschneidungen in der praktischen Umsetzung. Ein wichtiger Unterschied sei die Frage, ob eine Mitgliedschaft erforderlich ist, um Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Praxisfenster 4: Organisierte Nachbarschaftshilfe: Soziale Feuerwehr oder langfristiger Partner im Sorgearrangement?!

Unter diesem Motto diskutierte Dr. Thomas Röbke (LBE Bayern e.V.) mit Prof. Theresia Wintergerst und Karin Larsen-Lion über das Thema Bezahlung und Ehrenamt. Lassen sich verlässliche Strukturen nur mit Bezahlung bzw. Aufwandsentschädigung der Ehrenamtlichen gewährleisten? Eine pauschale Antwort auf die Frage sei nicht möglich, vielmehr seien fallbezogenen Entscheidungen notwendig. Wichtig sei aber Transparenz und eine gute Abgrenzung zwischen verschiedenen Formen der Unterstützung.

Praxisfenster 5: "Aus alt mach neu"

Wie gelingt es alteingesessenen Nachbarschaftshilfen, sich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen? Diese Frage beantwortete Margareta Förster mit der Schilderung der eindrucksvollen Entwicklung der Nachbarschaftshilfe Haar von einer kleinen Nachbarschaftshilfe hin zu einem professionellen Dienstleister. In der über 40jährigen Geschichte der Nachbarschaftshilfe stellte sich immer wieder die Frage nach notwendigen Veränderungen, die jedes Mal Umstrukturierungsprozesse und Spannungsfelder innerhalb der eigenen Strukturen bedeuteten. Die Verantwortlichen entschieden sich 2009 für eine Organisationsentwicklung, begleitet durch eine externe Moderation. Dr. Klaus Zeitler (SIREG), Moderator des Praxisfensters, betonte in seiner Zusammenfassung die Bedeutung der Organisationsentwicklung für den Fortbestand der Nachbarschaftshilfe. Er regte an, dass die Ministerien finanzielle Unterstützung für solche Entwicklungsprozesse ermöglichen sollten.

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*Die Tagung fand im Rahmen des Projekts "Netzwerk Nachhaltige Bürgerkommune" statt, das vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz (StMUV) gefördert wird. Das Landesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement Bayern (LBE Bayern e.V.) ist mit der Netzwerksteuerung des Projekts beauftragt. Finanziert wurde die Tagung vom StMUV, umgesetzt wurde sie mit Unterstützung folgender Kooperationspartner:
  • Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration
  • Bayerischer Gemeindetag
  • Der Paritätische Wohlfahrtsverband, Landesverband Bayern
  • Landesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligen-Agenturen/Freiwilligen-Zentren/Koordinierungsstellen in Bayern, lagfa bayern e.V.
  • Selbsthilfekontaktstellen Bayern e.V.
  • Schule der Dorf- und Landentwicklung, Abtei Plankstetten

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